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Mit der Blue-Card von Kamerun in die Schweiz

Stellen Sie sich das einmal vor: Die Blue-Card ist eine Zulassungbewilligung für den europäischen Raum. Sie wird jährlich an mindestens 500'000 BewerberInnen aus der ganzen Welt nach dem Zufallsprinzip verlost. 500'000 Menschen machen 0.1 Prozent der europäischen Bevölkerung aus. Für die Teilnahme an der Verlosung gibt es keine Bedingungen: Jeder Mann und jede Frau, mit oder ohne Ausbildung, arm oder oder reich, kann sich für eine Blue-Card bewerben. Wer eine solche gewinnt, kann mit einem Visum in ein europäisches Land einreisen, erhält dort eine Aufenthaltsbewilligung sowie die Möglichkeit zur Erwerbstätigkeit. 

Die europäischen Länder haben sich auf einen Verteilungsschlüssel (Bevölkerungszahl und Bruttoinlandprodukt) geeinigt und erteilen den ihnen zugewiesenen Personen die Aufenthaltsbewilligungen.
So könnte die Zukunft aussehen!

Die Gegenwart sieht noch ganz anders aus. Europa baut seit Jahren an seiner Festung und schottet sich gegen Süden und Osten ab. Die europäische Grenzkontrolle beginnt mit der Frontex bereits auf dem afrikanischen Kontinent. Staatsangehörige der afrikanischen Länder haben praktisch keine Möglichkeit, legal nach Europa zu gelangen. Die Menschen stehen in der Hoffnung auf ein Schengen-Visum Schlange vor den europäischen Botschaften und werden von diesen als Bürger zweiter Klasse behandelt. Doch wer nicht reich, beruflich spezialisiert ist oder über den Familiennachzug einreisen kann, dem bleibt nichts anderes übrig als in mehreren Etappen den beschwerlichen Weg durch die Sahara sowie die lebensgefährliche Mittelmeerüberquerung nach Europa per Kleinboot auf sich zu nehmen.
Nach Angaben von NGOs sind in den vergangenen Jahren 20'000 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Alleine im Oktober dieses Jahres starben mindestens 366 Menschen einen grausamen Tod vor den Küsten Lampedusas. Die Festung Europas lässt sich moralisch nicht rechtfertigen.

In den Diskussionen um das jüngste Flüchtlingsdrama vor Lampedusa analysierte Peter Niggli von der Alliance Sud unlängst in einem Interview mit der Berner Zeitung scharfsinnig das moralische Dilemma der europäischen Migrationspolitik. Es sei scheinheilig, wenn man über den Tod der ertrunkenen Menschen jammere und gleichzeitig für die Abschottungspolitik Europas in der heutigen Form einstehe. Die Menschen würden sowieso nach Europa kommen. Nicht zuletzt auch, weil die EU mit der Subventionierung ihrer eigenen Landwirtschaft diejenige in den afrikanischen Ländern zerstöre, damit vielen Menschen die Lebensgrundlage entziehe und sie zur Migration zwinge. Niggli stellt damit die Migration in einen grösseren Kontext, der auch in der Verantwortung der europäischen Länder liegt. Die abgeriegelte Aussengrenze, so Niggli, halte die Menschen deshalb nicht von ihrer Migration abhalten. Um menschlichen Dramen künftig zu verhindern, schlägt Niggli, ähnlich wie oben skizziert, vor, für eine begrenzte Anzahl Menschen aus Afrika eine legale Einwanderung zu gewähren.

Die Wirtschaft, das Geld, die Medien – alles ist globalisiert. Der Westen ist auch im entlegensten Winkel Afrikas präsent. Die Bewegungsfreiheit auf dem Globus gilt jedoch bislang nur für einen Teil der Weltbevölkerung. Als Europäer ist man sich gewohnt, für praktisch jedes Land dieser Erde ein Visum innert Kürze zu erhalten. Aus der Perspektive der Menschenwürde gibt es eigentlich keinen Grund, weshalb dieses Recht nicht für Alle gilt. Mit der oben skizzierten Vision wird der Menschenwürde nur zum Teil Rechnung getragen. Sie berücksichtigt weiterhin die ökonomischen und gesellschaftspolitischen Interessen Europas. Sie versucht aber immerhin, dem menschlichen Elend, wie es sich auf dem Mittelmeer abspielt, entgegen zu wirken und die Migration in menschlichere Bahnen zu lenken.

Herr Akono aus Kamerun hat mit etwas Glück eine Blue-Card gewonnen. Ihm wurde ein Visum für die Schweiz zugeteilt. Dreimal musste er sich dafür bewerben. Nun erhofft er sich in der Schweiz für sich und seine Familie eine bessere Zukunft. Im Flugzeug betrachtet er gerade die Fluginformationen auf dem Bildschirm. Zehn Kilometer weiter unten befindet sich die Insel Lampedusa. Der Name sagt ihm nichts.

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